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Flux beim Löten: Chemie, Typen und Auswahl — Warum das falsche Flussmittel Ihre PCB-Assembly zerstört
Kabelkonfektion 15. April 2026 15 min

Flux beim Löten: Chemie, Typen und Auswahl — Warum das falsche Flussmittel Ihre PCB-Assembly zerstört

Ein No-Clean-Flux-Rückstand verursachte dendritisches Wachstum auf 4.200 Boards — Ausfallrate 11 % nach 8 Monaten im Feld. Hier erfahren Sie, welche...

Hommer Zhao

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

Ein Automotive-ECU-Hersteller lieferte 38.000 Steuergeräte für Bremsassistenten aus. Acht Monate nach Feldfreigabe fielen 4.200 Einheiten — eine Ausfallrate von 11 %. Die Fehleranalyse ergab dendritisches Wachstum zwischen zwei Leiterbahnen mit 0,15 mm Abstand unter einem BGA-Pad. Die Ursache: No-Clean-Flussmittel der Klasse ORL0, dessen Rückstände unter dem BGA nicht vollständig verdampft waren. Bei 85 °C Betriebstemperatur und 85 % relativer Feuchte im Motorraum bildeten die verbliebenen organischen Säuren einen leitfähigen Pfad von 1,8 MΩ — genug für einen Dauerfehler zwischen den 3,3 V- und den CAN-Bus-Leitungen. Die Rückrufaktion kostete 2,4 Mio. €. Ein Wechsel auf wasserlösliches Flussmittel der Klasse ORH1 mit nachgeschaltetem Reinigungsprozess hätte die Mehrkosten von 0,12 € pro Board ausgemacht — insgesamt 4.560 €.

Dieser Artikel erklärt die Chemie und Typen von Lötflussmitteln (Flux), zeigt welche Normen und Klassen relevant sind, und liefert ein praktisches Auswahlframework für Hardware-Ingenieure und NPI-Manager, die Flussmittel für SMT-, Wellenlöten- und Reparaturprozesse spezifizieren müssen.

Flussmittel-Chemie: Was beim Löten wirklich passiert

Flussmittel haben drei Hauptfunktionen: Oxidentfernung, Oberflächenspannungsreduktion und Wärmetransfer. Die Chemie dahinter ist komplexer als die meisten Datenblätter suggerieren.

Oxidentfernung: Kupfer-, Zinn- und Bleioberflächen oxidieren an Luft innerhalb von Stunden. Eine 2–5 nm dicke Oxidschicht auf Kupfer verhindert das Benetzen durch Lot. Flussmittel enthalten aktive Bestandteile — organische Säuren (Ameisensäure, Zitronensäure), Amine oder anorganische Salze —, die diese Oxide bei Lötemperatur chemisch reduzieren. Die Reaktionsprodukte müssen entweder flüchtig sein oder sich im Flussmittel lösen.

Benetzungsförderung: Nach der Oxidentfernung senkt das Flussmittel die Oberflächenspannung der Lotoberfläche. Dadurch breitet sich das Lot auf der Kupferfläche aus statt in Kugeln zusammenzulaufen. Die Benetzungsgeschwindigkeit bestimmt, ob ein Pad innerhalb der typischen 2–5 Sekunden Reflow-Zeit vollständig benetzt wird.

Wärmetransfer: Im Reflow-Ofen und beim Wellenlöten verbessert das flüssige Flussmittel den Wärmeübergang von der Luft auf die Bauteile und Pads. Ohne Flussmittel erreicht ein BGA-Pad 30–40 % später die Spitzentemperatur — was zu Kaltloten führt.

Die IPC-Norm J-STD-004 (Requirements for Soldering Fluxes) klassifiziert Flussmittel nach Aktivitätsgrad und Materialbasis. Die Aktivität wird durch den Kupferplattentest und den Silberplattentest bestimmt, die Materialbasis durch die chemische Zusammensetzung. Die Norm definiert die Buchstaben R (Rosin), OR (Organic), IN (Inorganic) und RE (Resin) sowie die Aktivitätsstufen L (Low), M (Medium) und H (High).

Flussmittel-Typen im Vergleich: R, RMA, RA, OR, IN und No-Clean

Die Auswahl des Flussmittels bestimmt nicht nur die Lötfähigkeit, sondern auch die Zuverlässigkeit im Feld, die Notwendigkeit von Reinigungsprozessen und die EMV-Performance. Jeder Typ hat spezifische Stärken und Schwächen, die über Erfolg oder Misserfolg einer Produktion entscheiden.

Rosin-basierte Flussmittel (R, RMA, RA)

Kolophonium (Rosin) ist das klassische Flussmittel, gewonnen aus Kiefernharz. Es ist bei Raumtemperatur inert und wird erst über 70 °C aktiv. RMA (Rosin Mildly Activated) enthält geringe Mengen an Aktivatoren und ist der Industrie-Standard für durchkontaktierte Bauteile. RA (Rosin Activated) ist aggressiver und für stark oxidierte Oberflächen geeignet.

Die Rückstände von RMA-Flussmitteln sind nach IPC-J-STD-004B als nicht-korrosiv eingestuft, können aber unter Feuchteeinfluss leitfähig werden. Für Class-3-Anwendungen nach IPC-A-610 ist eine Reinigung empfohlen, auch wenn das Datenblatt „No-Clean“ suggeriert.

Organische Flussmittel (OR)

Organische Flussmittel basieren auf wasserlöslichen oder lösemittelhaltigen Trägern mit organischen Säuren als Aktivatoren. Sie sind aggressiver als Rosin-Flussmittel und entfernen selbst dicke Oxidschichten zuverlässig. ORH1-Flussmittel erreichen Benetzungsgeschwindigkeiten, die 40–60 % über denen von RMA liegen.

Der Nachteil: Organische Rückstände sind hygroskopisch und korrosiv. Sie müssen nach dem Löten gründlich gereinigt werden — typischerweise mit deionisiertem Wasser bei 50–60 °C. Ein Restfeuchtegehalt von > 0,1 % auf der Board-Oberfläche führt bei 85 °C/85 % RH zu dendritischem Wachstum innerhalb von 500 Stunden.

No-Clean-Flussmittel

No-Clean-Flussmittel sind so formuliert, dass ihre Rückstände nach dem Reflow als harmlose, nicht-leitfähige Schicht verbleiben. Sie enthalten weniger Aktivatoren und mehr Inertmaterialien, die bei Spitzentemperatur polymerisieren. Der Aktivitätsgrad ist typischerweise ORL0 oder ORM0.

Das Problem: No-Clean bedeutet nicht „rückstandslos“. Die verbleibende Schicht ist 5–15 μm dick, absorbiert Feuchtigkeit und kann unter BGA-Körpern oder QFN-Pads eingeschlossen werden. Bei feinen Leiterbahnabständen (< 0,2 mm) und hoher Betriebsfeuchte wird diese Schicht zum Ausfallrisiko — wie im Eingangsbeispiel.

Wasserlösliche Flussmittel

Wasserlösliche Flussmittel (typisch ORH1) sind die aggressivste Kategorie. Sie bieten die beste Benetzung auf oxidierten Oberflächen und sind vollständig mit deionisiertem Wasser entfernbar. Ihr Einsatz erfordert zwingend einen Reinigungsprozess — ein Überspringen der Reinigung führt zu katastrophalen Ausfallraten im Feld.

Tabelle: Flussmittel-Typen im Vergleich

ParameterR (Rosin)RMARAORL0 (No-Clean)ORH1 (wasserlöslich)
Aktivitätsgrad (J-STD-004)L0M0A0L0H1
Kupferplattentest (Benetzung %)65–7580–90> 9560–75> 95
Rückstands-KorrosivitätNicht-korrosivSchwach korrosivKorrosivNicht-korrosiv*Stark korrosiv
Reinigung erforderlich?EmpfohlenEmpfohlenZwingendNein (mit Einschränkungen)Zwingend
Typische AnwendungReparatur, HandlötenTHT-WellenlötenStark oxidierte PadsSMT-Reflow, StandardHochzuverlässig, Medizin, Automotive
Kostenfaktor (relativ zu RMA)0,8×1,0×1,1×1,2–1,5×1,3–1,6×

*No-Clean-Rückstände sind nach J-STD-004 als nicht-korrosiv eingestuft, können aber unter Feuchteeinfluss und bei engen Leiterbahnabständen leitfähige Pfade bilden. Die Einstufung gilt für Laborbedingungen, nicht für 85 °C/85 % RH im Feld.

Praktische Konsequenz

Wenn Ihr Design Leiterbahnabstände < 0,2 mm aufweist (typisch für 0,4 mm Pitch-BGAs oder QFNs) und im Feld Feuchte ausgesetzt ist, ist No-Clean-Flussmittel ein Risiko — unabhängig davon, was das Datenblatt behauptet. In diesem Fall ist ORH1 mit Reinigung die sichere Wahl, auch wenn der Reinigungsprozess 0,08–0,15 € pro Board kostet.

Auswahlframework: Welches Flussmittel für welchen Prozess?

Die Flussmittelauswahl hängt von vier Faktoren ab: Prozess (Reflow, Welle, Handlöten), Bauteiloxidationsgrad, Leiterbahnabstand und Betriebsbedingungen. Das folgende Decision-Framework basiert auf IPC-J-STD-004B und den Empfehlungen der IPC-A-610 Class 2 und 3.

SMT-Reflow (BGA, QFN, 0201/01005 passives)

Für SMT-Reflow ist Paste-Flux in Lotpasten integriert. Die Auswahl reduziert sich auf die Lotpaste, aber das Flussmittel-Verhalten bestimmt die Qualität. Typische Lotpasten verwenden No-Clean-Flussmittel (ORL0/ORM0) oder wasserlösliche Flussmittel (ORH1).

  • IPC-A-610 Class 2 (Industrie, Consumer): No-Clean ORL0 ist ausreichend, wenn Leiterbahnabstände > 0,2 mm und keine extreme Feuchtebelastung vorliegt.
  • IPC-A-610 Class 3 (Automotive, Medizin, Luftfahrt): ORH1 mit Reinigung ist die sichere Wahl. Die Mehrkosten von 0,12 € pro Board sind vernachlässigbar gegenüber den Ausfallkosten.
  • Feinste Pitches (< 0,4 mm BGA): ORH1 mit Reinigung vermeidet Voiding unter BGA-Pads und dendritisches Wachstum.

Wellenlöten (THT, gemischte Bestückung)

  • Standard-THT mit > 0,5 mm Pad-Abstand: RMA-Flux (Sprüh- oder Schaumapplikation) ist bewährt und kostengünstig.
  • Dicht bestückte Boards mit < 0,3 mm Abstand: ORH1 mit Reinigung oder No-Clean ORM0 mit engen Prozessfenstern.
  • Stark oxidierte Pads (z.B. nach 6+ Monaten Lagerung): RA-Flux mit anschließender Reinigung.

Handlöten und Reparatur

  • BGA-Reballing: ORH1-Gelflux mit Reinigung. Keine Kompromisse — die Reparatur ist teuer genug, dass die Reinigungskosten irrelevant sind.
  • QFN-/LGA-Reparatur: No-Clean-Gelflux für Class 2, ORH1 mit Reinigung für Class 3.
  • THT-Einzelreparatur: RMA-Fluxstift für Standardanwendungen.

Tabelle: Flussmittel-Auswahlmatrix nach Prozess und Zuverlässigkeitsanforderung

ProzessIPC-A-610 Class 1 (Consumer)Class 2 (Industrie)Class 3 (Auto/Medizin/Aero)
SMT-ReflowNo-Clean ORL0No-Clean ORM0ORH1 + Reinigung
WellenlötenRMA (Sprüh)RMA oder ORM0ORH1 + Reinigung
SelektivlötenNo-Clean ORL0RMA oder ORM0ORH1 + Reinigung
Handlöten/ReparaturRMA-StiftRMA oder No-Clean-GelORH1-Gel + Reinigung
BGA-ReballingNo-Clean-GelORH1-Gel + Reinigung
Drahtlöten (Kabelbaum)RMARMAORH1 + Reinigung

Die Matrix zeigt: Ab Class 3 ist ORH1 mit Reinigung der Standard. Die Ausnahme bilden Anwendungen mit > 0,5 mm Leiterbahnabstand und geringer Feuchtebelastung, wo ORM0 mit No-Clean akzeptabel sein kann — aber diese Entscheidung sollte durch SIR-Tests (Surface Insulation Resistance) nach IPC-TM-650 Methode 2.6.3.7 abgesichert werden.

Flussmittel und Lotpasten: Die versteckte Wechselwirkung

Lotpaste ist eine Suspension aus Lotpulver und Flussmittel. Das Flussmittel macht 8–12 % des Gewichts aus, bestimmt aber über 50 % der Prozesseignung. Die Wechselwirkung zwischen Flussmittelchemie und Lotpulver ist der häufigste Grund für Prozessinstabilitäten, die fälschlich dem Ofenprofil oder der Bauteilqualität zugeschrieben werden.

Voiding unter BGAs: Das Flussmittel verdampft während des Reflows. Wenn die Verdampfungsgeschwindigkeit die Entweichungsrate aus dem Spalt übersteigt, bilden sich Gaseinschlüsse (Voids) unter dem BGA. SAC305-Lotpaste mit ORL0-Flux zeigt typisch 15–25 % Voiding-Fläche unter BGA-Pads, während ORH1-Flux mit optimiertem Profil 5–10 % erreicht. IPC-7095B empfiehlt < 20 % Voiding-Fläche für Class 2 und < 10 % für Class 3.

Kalte Lötstellen (Cold Solder Joints): Wenn das Flussmittel vor Erreichen der Liquidustemperatur des Lots verdampft, oxidiert die Oberfläche erneut. Das Lot benetzt nicht mehr, und es entsteht eine graue, körnige Lötstelle ohne metallurgische Bindung.

Lotkugeln (Solder Balls): Oxidationsreste des Flussmittels können als Keimstellen für Lotkugeln dienen. Nach IPC-A-610 sind Lotkugeln > 0,13 mm Durchmesser bei Class 2 und > 0,08 mm bei Class 3 nicht akzeptabel.

Die Referenz für Lotpasten-Spezifikationen ist IPC-J-STD-005 (Requirements for Soldering Pastes), die die Klassifizierung der Lotpasten nach Lotlegierung, Pulvergröße und Flussmitteltyp definiert.

Reinigungsprozesse: Wann No-Clean nicht bedeutet „nicht reinigen“

Der Begriff „No-Clean“ ist einer der am häufigsten missverstandenen Begriffe in der Elektronikfertigung. No-Clean bedeutet: Die Rückstände sind nach den Testmethoden der J-STD-004 nicht-korrosiv und nicht-leitfähig. Es bedeutet NICHT: Die Rückstände sind für jede Anwendung harmlos.

Wann No-Clean-Rückstände gereinigt werden müssen:

  1. Bei Leiterbahnabständen < 0,2 mm (typisch für 0201/01005-Pads und feine BGA-Pitches)
  2. Bei Betriebsbedingungen > 60 °C und > 60 % RH (Motorraum, Outdoor-Industrie)
  3. Bei Hochfrequenzanwendungen > 1 GHz, wo die Dielektrizitätskonstante der Rückstände Impedanz und Einfügedämpfung beeinflusst
  4. Bei Konformal-Coating, wo die Haftung des Coatings durch Flussmittelrückstände um 30–50 % reduziert wird
  5. Bei optischen Inspektionen (AOI), wo Flussmittelrückstände falsche Fehlermeldungen erzeugen

Reinigungsmethoden im Vergleich

  • Deionisiertes Wasser (DI-Wasser): Wirksam für ORH1-Flussmittel, 50–60 °C, 2–5 Minuten. Nicht wirksam für Rosin-Rückstände.
  • Saponifier (wasserbasiert mit Tensiden): Wirksam für RMA und RA, 55–65 °C. Der Saponifier neutralisiert die Säuren und löst das Kolophonium.
  • Lösemittelbasiert (Isopropanol, modified alcohol): Wirksam für alle Flussmitteltypen, aber VOC-Emissionen und Arbeitsschutz beachten.
  • Plasma-Reinigung: Wirksam für No-Clean-Rückstände unter BGAs, wo flüssige Reiniger nicht penetrieren. Kostenintensiv (0,50–1,00 € pro Board), aber die einzige zuverlässige Methode für feine BGAs.

Die Reinigungseffizienz wird nach IPC-TM-650 Methode 2.3.25 (Ionic Contamination) gemessen. Der Grenzwert für Class 3 liegt bei < 1,56 μg NaCl/cm².

Häufige Fehler bei der Flussmittelauswahl

1No-Clean für Class-3-Anwendungen ohne SIR-Test spezifizieren

Konsequenz: Dendritisches Wachstum bei Feuchtebelastung, Ausfallraten von 5–15 % nach 6–12 Monaten im Feld.

Abhilfe: SIR-Prüfung nach IPC-TM-650 2.6.3.7 durchführen (ca. 2.000–3.000 € pro Flussmittel/Board-Kombination).

2Flussmittel und Lotpaste verschiedener Hersteller mischen

Konsequenz: Inkompatible Chemie führt zu erhöhtem Voiding (25–40 % statt 10–15 %), Lotkugeln und unvollständiger Benetzung.

Abhilfe: Lotpaste als System (Pulver + Flux) vom gleichen Hersteller beziehen.

3Reinigung nach ORH1-Flux weglassen

Konsequenz: Die sichtbaren Rückstände sind nur 20–30 % der tatsächlichen Kontamination. Ausfallraten von 20–40 % nach 12–18 Monaten.

Abhilfe: Reinigung immer durchführen, auch wenn das Board sauber aussieht.

4Ofenprofil nicht an das Flussmittel anpassen

Konsequenz: Zu kurze oder zu lange Soak-Phase = Kaltlöter. ORL0 benötigt 60–90 Sekunden, ORH1 40–70 Sekunden zwischen 150–200 °C.

Abhilfe: Soak-Zeit nach Flussmitteltyp einstellen und dokumentieren.

5Flussmittel über das Haltbarkeitsdatum hinaus verwenden

Konsequenz: Oxidiertes Lotpulver und separiertes Flussmittel führen zu inkonsistenter Benetzung.

Abhilfe: FIFO und Temperaturüberwachung im Lager implementieren. SAC305-Lotpaste: 6 Monate bei -10 bis +5 °C.

Aktions-Checkliste: Flussmittel richtig spezifizieren

  1. Bestimmen Sie die IPC-A-610-Klasse Ihres Endprodukts (Class 1, 2 oder 3) und leiten Sie daraus die Mindestanforderungen an das Flussmittel ab.
  2. Messen Sie den minimalen Leiterbahnabstand auf Ihrem Design. Bei < 0,2 mm ist No-Clean ein Risiko — spezifizieren Sie ORH1 mit Reinigung.
  3. Definieren Sie die Betriebsbedingungen (Temperatur, Feuchte, Vibration). Bei > 60 °C und > 60 % RH ist No-Clean nur mit SIR-Test-Absicherung akzeptabel.
  4. Wählen Sie Lotpaste als System — Lotpulver und Flussmittel vom gleichen Hersteller, spezifiziert nach J-STD-005.
  5. Passen Sie das Reflow-Profil an das Flussmittel an. ORL0: 60–90 s Soak, ORH1: 40–70 s Soak, 150–200 °C. Dokumentieren Sie das Profil.
  6. Spezifizieren Sie die Reinigung explizit im Fertigungsauftrag. No-Clean bedeutet nicht „nicht reinigen“ — definieren Sie, wann gereinigt werden muss.
  7. Fordern Sie SIR-Test-Ergebnisse nach IPC-TM-650 2.6.3.7 für jede Flussmittel/Board-Kombination bei Class-3-Anwendungen.
  8. Überwachen Sie das Haltbarkeitsdatum von Lotpasten und Flüssigflux. Implementieren Sie FIFO und Temperaturüberwachung im Lager.

References

Weiterführende Artikel

FAQ

Wann muss ich No-Clean-Flussmittel trotzdem reinigen?

No-Clean-Flussmittel muss gereinigt werden bei Leiterbahnabständen < 0,2 mm, Betriebsbedingungen über 60 °C und 60 % relativer Feuchte, Hochfrequenzanwendungen über 1 GHz, oder vor Konformal-Coating.

Welches Flussmittel für BGA-Reballing nach IPC-A-610 Class 3?

Für BGA-Reballing nach Class 3 ist ORH1-Gelflux mit anschließender Reinigung zwingend erforderlich. No-Clean-Flux hinterlässt Rückstände unter dem BGA, die bei feinen Pitches (< 0,5 mm) zu Kurzschlüssen führen können.

Wie unterscheiden sich J-STD-004 Klassen ORL0, ORM0 und ORH1?

ORL0 (Low Activity, No Halides) ist das schwächste No-Clean-Flussmittel — geeignet für frische Pads mit > 0,2 mm Abstand. ORM0 (Medium Activity) bietet bessere Benetzung auf leicht oxidierten Oberflächen. ORH1 (High Activity, Halide-containing) ist das aggressivste, erfordert aber zwingend Reinigung. Kupferplattentest: ORL0 bei 60–75 %, ORM0 bei 75–85 %, ORH1 bei > 95 %.

Was kostet die Reinigung nach ORH1-Flussmittel pro Board?

Die Reinigung mit DI-Wasser kostet typisch 0,08–0,15 € pro Board bei einem 4-lagigen PCB mit 100 × 80 mm. Plasma-Reinigung für BGAs kostet 0,50–1,00 € pro Board. Diese Kosten stehen gegen Rückrufkosten von 50–200 € pro defektem Board bei Class-3-Anwendungen.

Kann ich verschiedene Flussmittel auf demselben Board einsetzen?

Ja, aber mit Vorsicht. In der Praxis wird oft No-Clean-Lotpaste für SMT und RMA-Flux für das Wellenlöten auf demselben Board verwendet. Die Kompatibilität muss durch SIR-Tests bestätigt werden. Mischen von ORH1 und No-Clean auf eng benachbarten Pads ohne Reinigung führt zu beschleunigter Korrosion.

Wie lange ist Lotpaste nach dem Öffnen verwendbar?

SAC305-Lotpaste ist nach dem Öffnen typisch 4–8 Stunden bei Raumtemperatur (22–25 °C, 40–60 % RH) verwendbar. Für Sn42Bi58 (Low-Temp-Paste) reduziert sich die Fensterzeit auf 2–4 Stunden. Überschreitung führt zu inkonsistenter Benetzung und erhöhtem Voiding.

Welchen Einfluss hat Flussmittel auf die EMV?

Flussmittelrückstände verändern die Dielektrizitätskonstante (εr) der Board-Oberfläche von typisch 4,2 (FR4) auf 4,5–5,5 im Bereich der Rückstände. Bei Hochfrequenzsignalen > 1 GHz führt dies zu Impedanzverschiebungen von 2–5 % und kann die Impedanz um bis zu 3 Ω bei 50 Ω Target-Impedanz verschieben.

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Tags:PCBLeiterplatteKabelkonfektionFertigung
Hommer Zhao

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Elektronikfertigung leitet Hommer Zhao das Team bei WellPCB. Seine Leidenschaft: Komplexe technische Themen verständlich erklären.

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