IPC/WHMA-A-620: Der Standard für Kabelbäume — Klassen, Anforderungen und Einkäufer-Checkliste
Qualität 15. März 2026 14 Min.

IPC/WHMA-A-620: Der Standard für Kabelbäume — Klassen, Anforderungen und Einkäufer-Checkliste

IPC-A-620 ist der einzige Branchenstandard für Kabel- und Kabelbaugruppen. Alle drei Produktklassen erklärt, die 19 Kapitel im Überblick, Klasse 2 vs. 3 Vergleich, Zertifizierung (CIS/CIT) und eine Praxis-Checkliste für den Einkauf.

Hommer Zhao

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

IPC/WHMA-A-620 ist der einzige branchenweit anerkannte Standard für die Fertigung und Abnahme von Kabel- und Kabelbaugruppen. Er definiert, was akzeptabel ist — und was nicht. Dieser Leitfaden erklärt alle drei Produktklassen, die 19 Kapitel des Standards und zeigt, wie Sie IPC-620 in Ihrer Lieferkette konkret einsetzen.

Kabelbaum-Baugruppe nach IPC-A-620 Standard mit professioneller Crimpung und Kennzeichnung
19

Kapitel im Standard

3

Produktklassen

Rev F

Aktuelle Revision (2025)

1957

IPC gegründet

1. Was ist IPC/WHMA-A-620?

IPC/WHMA-A-620 ist der einzige im Branchenkonsens entwickelte Standard für Anforderungen und Abnahmekriterien von Kabel- und Kabelbaugruppen. Herausgegeben wird er gemeinsam von der IPC (Association Connecting Electronics Industries) und der WHMA (Wire Harness Manufacturers Association).

Der Standard beschreibt Materialien, Methoden, Prüfverfahren und Akzeptanzkriterien für die Herstellung gecrimpter, mechanisch befestigter und gelöteter Verbindungen sowie alle zugehörigen Montageaktivitäten. Er dient als Referenz sowohl für die Fertigungsbegleitung als auch für die Endinspektion.

Kernfunktionen des Standards:

  • Qualitätsreferenz — Definiert akzeptable und nicht akzeptable Bedingungen
  • Einkaufsdokument — Nutzbar als alleinige Spezifikation beim Zukauf
  • Inspektionsleitfaden — Grundlage für Wareneingangsprüfung und Audits
  • Schulungsbasis — Zertifizierungsprogramme CIS und CIT
Hommer Zhao

IPC-A-620 ist für Kabelbäume das, was IPC-A-610 für bestückte Leiterplatten ist: der anerkannte Qualitätsmaßstab. Wer ohne Klassenangabe bestellt, überlässt die Qualitätsdefinition dem Lieferanten.

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

2. Die drei Produktklassen im Detail

Wie bei anderen IPC-Standards definiert auch der A-620 drei Produktklassen. Jede Klasse stellt unterschiedliche Anforderungen an Verarbeitung, Inspektion und Dokumentation. Die Klasse muss vom Auftraggeber festgelegt werden — sonst gilt automatisch die niedrigste Anforderung.

MerkmalKlasse 1Klasse 2Klasse 3
BezeichnungAllgemeine ProdukteDedizierte ServiceprodukteHochleistungsprodukte
AnwendungsbeispieleHaushaltsgeräte, Spielzeug, einfache Consumer-ElektronikTelekommunikation, Industrie, Computer, Automotive (Komfort)Medizin (lebenserhaltend), Luft-/Raumfahrt, Militär
AnforderungsniveauGrundfunktionalität ausreichendLängere Lebensdauer, höhere ZuverlässigkeitUnunterbrochene Funktion, Extrembedingungen
InspektionsumfangStichprobenStatistische Prozesskontrolle100 % Inspektion
DokumentationMinimalProzessdokumentationVollständige Rückverfolgbarkeit
Nacharbeit erlaubt?Ja, weitgehendBegrenzt, dokumentiertNur mit Genehmigung, vollständig dokumentiert

Praxis-Warnung

Bestellen Sie immer mit expliziter Klassenangabe (z.B. “IPC/WHMA-A-620 Klasse 2”). Fehlt diese Angabe in der Bestellung, entscheidet der Lieferant — und wählt in der Regel Klasse 1 (minimale Anforderungen). Das Ergebnis: geringere Crimpqualität, weniger Inspektionen und keine Rückverfolgbarkeit.

3. Was der Standard abdeckt: Die 19 Kapitel

Der IPC/WHMA-A-620 ist in 19 Kapitel gegliedert, die den gesamten Fertigungsprozess einer Kabelbaugruppe abdecken — von der Aderkonfektion bis zur Endprüfung.

Kabelkonfektion und Crimpverbindungen nach IPC-620 Standard
KapitelThemaPraxisrelevanz
1Einleitung / GeltungsbereichProduktklassifikation, Definitionen, ESD
2Anwendbare DokumenteReferenzierte Normen und Standards
3Aderkonfektion (Wire Prep)Abisolierlänge, Litzenbeschädigung, Einkerbungen
4Löten an AnschlusspunktenLötstellen-Qualität, Benetzung, Wärmeeinfluss
5Crimpen (Stanz-/Formkontakte)Crimpmaße, Isolationsgreifer, Zugprüfung
6Crimpen (gedrehte Kontakte)Kontakttiefe, Materialverträglichkeit
7Schneid-Klemm-Verbindungen (IDC)Messerleisten, Flachkabel-Anschlüsse
8UltraschallschweißenSchweißparameter, Verbindungsfestigkeit
9SpleißenLöt- und Crimpspleiße, Schrumpfschlauch
10SteckverbinderPin-Einrastung, Schlüsselung, Dichtungen
11Verguss und UmspritzungMoldingqualität, Entlüftung, Hohlräume
12KennzeichnungBeschriftung, Farbcodes, Schrumpfmarkierung
13Koax- und Biax-KabelSchirmgeflecht, Dielektrikum-Behandlung
14Bandagierung und SchnürungSchnürmuster, Knotensicherung, Klettband
15SchirmungSchirmgeflecht-Auflage, Folienumwicklung
16Baugruppen-MontageBiegeradien, Zugentlastung, Befestigung
17Wire-Wrap-AnschlüsseWickeltechnik, Windungszahl
18PrüfungDurchgangs-, Isolations-, Hochspannungsprüfung
19Verpackung und VersandSchutz vor Beschädigung, ESD-Verpackung

Beachten Sie: IPC-620 deckt nicht die Querschnittsanalyse (Cross-Section) und die Röntgeninspektion ab. Für diese Verfahren verweist der Standard auf separate IPC-Dokumente.

4. Klasse 2 vs. Klasse 3: Anforderungsvergleich

Die meisten industriellen Kabelbäume werden nach Klasse 2 gefertigt. Klasse 3 kommt bei sicherheitskritischen Anwendungen zum Einsatz. Die Unterschiede sind erheblich — sowohl in den Anforderungen als auch bei den Kosten.

KriteriumKlasse 2Klasse 3
Crimpung — ZugprüfungStichprobe je LosJede Charge, teils 100 %
CrimphöheInnerhalb Hersteller-ToleranzEngere Toleranzen, SPC-Überwachung
Litzenbeschädigung≤ 10 % Litzenverlust akzeptabelNahezu 0 % — jede Litze zählt
IsolationsschadenLeichte Kratzer akzeptabelKein sichtbarer Schaden
LötstellenGute Benetzung, geringe HohlräumeVollständige Benetzung, keine Hohlräume
RückverfolgbarkeitLosbezogenEinzelteil-Serialisierung
KostenfaktorReferenz (1×)ca. 1,5× – 3× höher

Klasse 2 empfohlen für:

  • Industriesteuerungen und SPS-Verdrahtung
  • Telekommunikationsgeräte
  • Automotive-Komfortsysteme
  • Professionelle Audio-/Videotechnik
  • Serverschränke und IT-Infrastruktur

Klasse 3 erforderlich für:

  • Medizinprodukte (lebenserhaltend)
  • Luft- und Raumfahrt
  • Militärische Systeme
  • Automotive-Sicherheitssysteme (ADAS, Airbag)
  • Kernkraftwerks-Instrumentierung
Hommer Zhao

Der größte Fehler, den ich in der Praxis sehe: Einkäufer bestellen Klasse 3, obwohl Klasse 2 ausreicht. Das treibt die Kosten um 50–200 % in die Höhe, ohne Mehrwert für die Anwendung. Umgekehrt fehlt bei sicherheitskritischen Systemen manchmal die Klassenangabe ganz.

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

5. IPC-620 Revision F (2025): Was ist neu?

Die aktuelle Revision F wurde 2025 veröffentlicht und ersetzt die Revision E (Oktober 2022). Die wichtigsten Änderungen adressieren technologische Entwicklungen und Praxisanforderungen der letzten Jahre.

Wichtige Neuerungen der Revision F:

  • Aktualisierte Crimpkriterien — Neue Toleranzbereiche für miniaturisierte Kontakte und Hochstromverbindungen
  • Erweiterte Schirmungskriterien — Zusätzliche Anforderungen für EMV-kritische Anwendungen
  • Verbesserte Fotodokumentation — Neue Referenzbilder für akzeptable und fehlerhafte Zustände
  • Harmonisierung — Bessere Abstimmung mit IPC-A-610 (Bestückungs-Standard) und J-STD-001 (Löt-Standard)

Für bestehende Fertigungen empfiehlt sich ein Gap-Assessment: Vergleichen Sie Ihre aktuellen Arbeitsanweisungen mit den neuen Anforderungen der Revision F und aktualisieren Sie kritische Prozessbeschreibungen innerhalb von 12 Monaten.

6. Zertifizierung: CIS und CIT

IPC bietet zwei Zertifizierungsstufen für den A-620 Standard an. Beide werden durch autorisierte Trainingscenter (ATCs) weltweit angeboten.

MerkmalCIS (Certified IPC Specialist)CIT (Certified IPC Trainer)
ZielgruppeFertigungsmitarbeiter, Inspektoren, QualitäterTrainer, die CIS-Schulungen durchführen
Dauer2–3 Tage3–5 Tage
Gültigkeit2 Jahre2 Jahre
BefugnisAnwenden und prüfenSchulen und zertifizieren
Investitionca. 500–800 € pro Personca. 1.500–2.500 € pro Person

Praxis-Tipp zur Zertifizierung:

Viele Kunden verlangen den Nachweis, dass Fertigungspersonal IPC-620-zertifiziert ist. Achten Sie bei der Lieferantenauswahl darauf, ob CIS-zertifizierte Inspektoren und mindestens ein CIT-Trainer vor Ort verfügbar sind. Das signalisiert nachhaltige Qualitätskompetenz statt einmaliger Schulung.

7. IPC-620 im Einkauf: Praxis-Checkliste

Der IPC-620 ist nicht nur ein Fertigungsstandard — er ist auch ein leistungsstarkes Einkaufswerkzeug. Richtig eingesetzt, reduziert er Qualitätsprobleme und schafft klare Abnahmekriterien.

Einkäufer-Checkliste: IPC-620 in der Bestellung

  • Produktklasse explizit angeben (z.B. „nach IPC/WHMA-A-620F, Klasse 2")
  • Revision des Standards spezifizieren (aktuell: Revision F)
  • Zusätzliche Anforderungen über den Standard hinaus separat dokumentieren
  • Inspektionsberichte und Zugprüfprotokolle als Lieferdokumente verlangen
  • Rückverfolgbarkeitsanforderungen definieren (Los vs. Einzelteil)
  • Nacharbeitsregeln vereinbaren (max. Anzahl Nacharbeiten pro Verbindung)
  • Referenz auf IPC-620 in Rahmenvertrag und Einzelbestellungen aufnehmen
  • Zertifizierungsnachweise des Fertigungspersonals (CIS) anfordern
Hommer Zhao

Ein sauberes Bestelldokument mit IPC-620-Referenz spart mehr Qualitätskosten als jede nachträgliche Inspektion. Definieren Sie Ihre Anforderungen einmal richtig — und Ihr Lieferant weiß genau, was erwartet wird.

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

8. Begleitdokumente: IPC-D-620 und IPC-HDBK-620

Der A-620 wird durch zwei ergänzende Dokumente unterstützt, die zusammen ein vollständiges Framework für Kabelbaumfertigung bilden.

IPC-D-620 (Design Guide)

Der Designleitfaden für Kabelbaugruppen. Enthält Empfehlungen für:

  • • Kabelquerschnitt-Auswahl
  • • Biegeradien und Zugentlastung
  • • Steckverbinder-Spezifikation
  • • Schirmungskonzepte

IPC-HDBK-620 (Handbook)

Das Handbuch mit Erklärungen und Hintergrundinformationen:

  • • Interpretation schwieriger Kriterien
  • • Best-Practice-Beispiele
  • • Fotografien mit Erläuterungen
  • • Trainingsmaterial für CIS-Kurse

Für eine vollständige Implementierung empfehlen wir, alle drei Dokumente im Qualitätsmanagement-System zu referenzieren. Der A-620 für Fertigung und Abnahme, der D-620 für das Design und das Handbuch für Schulung und Interpretation.

IPC-620 im Zusammenspiel mit anderen Standards

Der IPC-620 steht nicht isoliert. Er referenziert und ergänzt mehrere andere Standards, die für die elektronische Fertigung relevant sind.

StandardAnwendungsbereichBeziehung zu IPC-620
IPC-A-610Bestückte LeiterplattenSchwester-Standard für PCB-Baugruppen
J-STD-001LötanforderungenReferenz für Löt-Kriterien in Kapitel 4
IPC-A-600Leiterplatten-AkzeptanzErgänzend für PCB-Anteil in Baugruppen
ISO 13485Medizinprodukte-QMSIPC-620 Klasse 3 als Fertigungsstandard
IATF 16949Automotive-QMSIPC-620 Klasse 2/3 als Branchenstandard

Häufige Fragen zu IPC/WHMA-A-620

Ist IPC-620 verpflichtend?

Nein, IPC-620 ist ein freiwilliger Industriestandard. Er wird jedoch von vielen Branchen und Kunden als verbindlich gefordert — insbesondere in der Luft-/Raumfahrt (oft via Kundenvorgabe), Medizintechnik (ISO 13485 Kontext) und im Automotive-Bereich (IATF 16949 Kontext). Ohne explizite Vereinbarung gilt er nicht automatisch.

Welche Klasse brauche ich für Automotive-Kabelbäume?

Für sicherheitsrelevante Systeme (Airbag, Bremse, ADAS) wird Klasse 3 erwartet. Für Komfort- und Infotainmentsysteme reicht Klasse 2. Viele Automobilhersteller spezifizieren die Klasse in ihren Lastenheften. Im Zweifel gilt: IATF 16949 Anforderungen prüfen.

Was kostet der IPC-620 Standard?

Der Standard selbst kostet ca. 200–350 € (je nach Revision und Sprache) über den offiziellen IPC-Shop. Die deutsche Übersetzung ist ebenfalls verfügbar. IPC-Mitglieder erhalten Rabatte. Zusätzlich fallen Kosten für Schulung und Zertifizierung an (CIS: 500–800 €, CIT: 1.500–2.500 €).

Was ist der Unterschied zwischen IPC-A-610 und IPC-A-620?

IPC-A-610 gilt für bestückte Leiterplatten (SMD/THT-Baugruppen), IPC-A-620 für Kabel- und Kabelbaugruppen (Crimpverbindungen, Steckverbinder, Verdrahtung). Beide verwenden das gleiche 3-Klassen-System, adressieren aber unterschiedliche Produkttypen und Fertigungsprozesse.

Kann mein Lieferant nach IPC-620 fertigen, ohne zertifiziert zu sein?

Ja. IPC-620 beschreibt Anforderungen — es ist keine Unternehmenszertifizierung wie ISO 9001. Ein Lieferant kann nach IPC-620 fertigen, indem er den Standard als Referenz verwendet. Allerdings zeigt die CIS-Zertifizierung des Personals, dass die Mitarbeiter den Standard kennen und korrekt anwenden können.

Wie oft muss die CIS-Zertifizierung erneuert werden?

Alle 2 Jahre. Die Rezertifizierung umfasst eine erneute Prüfung, die sicherstellt, dass das Wissen aktuell ist. Bei einer neuen Revision des Standards (z.B. von E auf F) wird empfohlen, die Schulung auf die neue Version zu absolvieren.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. ANSI Blog — IPC/WHMA A-620F-2025: Cable And Wire Harness Assemblies. blog.ansi.org
  2. EPTAC — Mastering Quality Standards: IPC 620 Certification in Electronic Manufacturing. eptac.com
  3. MJM Industries — IPC/WHMA-A-620 Standard: Classes, Certification & Coverage. mjmindustries.com
  4. PIEK Training — IPC/WHMA-A-620D, Kabel- und Kabelbaum-Baugruppen. piektraining.com

Kabelbäume nach IPC-620 fertigen lassen?

Unser Team fertigt Kabelbäume und Kabelkonfektionen nach IPC/WHMA-A-620 Klasse 2 und 3. CIS-zertifizierte Inspektoren, 100 % elektrische Prüfung und vollständige Dokumentation — ab Prototyp bis Großserie.

Tags:PCBLeiterplatteQualitätFertigung
Hommer Zhao

Hommer Zhao

Gründer & CEO, WellPCB

Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Elektronikfertigung leitet Hommer Zhao das Team bei WellPCB. Seine Leidenschaft: Komplexe technische Themen verständlich erklären.

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