
SMT Tombstoning: Ursachen bei Chip-Bauteilen vermeiden
Warum stellen sich 0402, 0201 oder kleine LEDs im Reflow auf? Der Leitfaden zeigt Ursachen, DFM-Regeln, Stencil-Anpassungen und Prozesskontrollen.

Hommer Zhao
Gründer & CEO, WellPCB
Tombstoning sieht im AOI-Bild simpel aus: Ein kleines 0402-, 0201- oder LED-Bauteil steht wie ein Grabstein auf einem Pad, waehrend die zweite Anschlussseite offen bleibt. In der Ursachenanalyse ist der Fehler deutlich komplexer. Meist entsteht er nicht durch einen einzigen Ausreisser, sondern durch eine asymmetrische Summe aus Pad-Geometrie, Lotpastenvolumen, Benetzungszeitpunkt, Bauteilplatzierung und thermischer Balance im Reflow.
Dieser Leitfaden zeigt, wie OEMs und EMS-Teams SMT Tombstoning systematisch reduzieren: vom Land-Pattern ueber die Schablone bis zur Ofenprofilierung. Fuer den Gesamtprozess helfen auch unsere Seiten zu SMT Assembly, PCB Stencil Service, PCB Assembly und AOI Inspection.
Als oeffentliche Referenzen fuer Begriffe und Prozessumfeld eignen sich die Grundlagen zu Surface-Mount Technology, Reflow Soldering, Solder Paste und IPC. Fuer konkrete Freigaben zaehlen trotzdem immer Bauteildatenblatt, Pastendatenblatt, interne DFM-Regeln und die realen Messdaten Ihrer SMT-Linie.
Pad-Balance
Unterschiedliche Padgroessen oder Kupferanschluesse verschieben Benetzungskraft und Aufschmelzzeitpunkt.
Pastenvolumen
Zu viel Paste erhoeht die Zugkraft; ungleiches Volumen laesst eine Seite frueher gewinnen.
Thermik
Ein Pad an grosser Kupferflaeche schmilzt spaeter als ein isoliertes Pad und zieht das Bauteil aus der Achse.
Pruefung
SPI, AOI und First-Article-Profile zeigen, ob der Fehler aus Druck, Placement oder Reflow kommt.

“Bei 0402 und 0201 reicht oft schon 40 bis 60 Mikrometer Versatz zwischen Paste und Pad, um Tombstoning sichtbar zu machen. Ich pruefe deshalb zuerst Pastenoffset, Pad-Symmetrie und Delta-T, bevor ich am Ofenprofil drehe.”
Hommer Zhao
Gruender & CEO, WellPCB
Was Tombstoning physikalisch ausloest
Beim Reflow schmilzt die Lotpaste auf beiden Pads eines Chip-Bauteils. Sobald eine Seite frueher benetzt oder eine deutlich hoehere Oberflaechenspannung aufbaut, wirkt ein Drehmoment auf das Bauteil. Kleine Widerstaende, Kondensatoren und LEDs haben wenig Masse und wenig Auflageflaeche; deshalb reicht diese Kraft aus, um das Bauteil aufzurichten. Je kleiner die Bauform, desto weniger Prozessreserve bleibt.
Besonders anfaellig sind 0402 und 0201, aber auch 0603 kann betroffen sein, wenn das Layout unsymmetrisch ist. Bei kleinen LEDs kommen Polaritaetsmarkierungen, thermische Pads und teilweise ungleiche Anschlussmetallisierung hinzu. In Serienprojekten faellt Tombstoning oft erst nach einem Material- oder Linienwechsel auf, weil die vorherige Kombination aus Paste, Profil und Bauteilcharge zufaellig genug Reserve hatte.
Die wichtigsten Einflussgroessen sind bekannt, werden aber haeufig einzeln betrachtet. Ein gutes Reflow-Profil hilft wenig, wenn das Land-Pattern zu viel Kupferzug auf einer Seite erzeugt. Eine perfekte Schablone kompensiert keine Bauteile, die systematisch am Rand der Toleranz platziert werden. Darum sollte Tombstoning immer als Wechselwirkung aus Design, Material und Prozess bewertet werden.

Ursachenvergleich: Wo Sie zuerst suchen sollten
Eine gute Fehleranalyse beginnt mit der Frage, ob Tombstones zufaellig ueber die Baugruppe verteilt sind oder immer an denselben Referenzdesignatoren auftreten. Zufallsfehler sprechen eher fuer Druck-, Placement- oder Pastenstreuung. Wiederholfehler an denselben Positionen deuten auf Land-Pattern, Kupferanbindung oder lokale Temperaturunterschiede.
| Einflussfaktor | Typisches Symptom | Mess- oder Pruefpunkt | Praxis-Grenzwert | Korrektur |
|---|---|---|---|---|
| Pad-Geometrie | Immer gleiche Bauteilpositionen | Land-Pattern gegen Bauteildatenblatt | Padlaenge beidseitig innerhalb 50 Mikrometer | Pads kuerzen, symmetrieren, Solder-Mask-Dam pruefen |
| Kupferanbindung | Eine Seite schmilzt spaeter | Thermal-Reliefs, Plane-Anschluss, Delta-T | Delta-T am Bauteil ideal unter 5 C | Thermal-Reliefs angleichen, Kupferflaechen ausbalancieren |
| Stencil-Oeffnung | Paste auf einer Seite hoeher oder versetzt | SPI-Volumen und X/Y-Offset | Volumenabweichung unter 10 Prozent | Aperture 5 bis 15 Prozent reduzieren oder home-plate formen |
| Placement | Bauteil sitzt nahe Padkante | Pick-and-Place-Offset, Feeder, Nozzle | 0402-Ziel oft unter 50 Mikrometer Offset | Vision-Daten, Nozzle-Zustand und Feeder-Kalibrierung pruefen |
| Reflow-Profil | Fehler nach Ofen- oder Pastenwechsel | Soak, TAL, Peak und Board-Delta-T | TAL bei SAC305 haeufig 45 bis 75 Sekunden | Soak stabilisieren, Ramp-Rate reduzieren, Messpunkte erhoehen |
| Bauteilmetallisierung | Nur eine Charge betroffen | Benetzungstest, Lagerzeit, MSL-Handling | FIFO und definierte Floor-Life-Regeln | Charge sperren, Lötbarkeit testen, Lieferantendaten pruefen |
DFM-Regeln fuer Pad- und Kupferbalance
Das Land-Pattern ist der erste Hebel gegen Tombstoning. Beide Pads muessen geometrisch und thermisch so aehnlich wie moeglich sein. Wenn ein Pad direkt an eine grosse Kupferflaeche oder eine breite Leiterbahn angeschlossen ist, waehrend das andere Pad isoliert liegt, entsteht ein Temperaturversatz. Die isolierte Seite schmilzt frueher und zieht das Bauteil hoch.
Fuer 0402 und 0201 lohnt sich ein strengerer DFM-Check als fuer groessere Bauformen. Padlaenge, Padabstand, Lötstopplacksteg, Kupferanbindung und Via-Naehe sollten nicht nur nach generischem Footprint bewertet werden, sondern gegen reale Prozessdaten. Ein Via direkt neben einem Pad kann als Waermesenke wirken oder Paste abziehen, wenn es nicht abgedeckt ist. Bei hoher Packungsdichte ist das eine haeufige Ursache fuer wiederkehrende Fehler.

“Wenn ein 0201-Kondensator auf einer Seite an eine Plane und auf der anderen Seite an eine 100-Mikrometer-Leitung geht, ist das kein symmetrischer Lötprozess mehr. Thermal-Reliefs oder angepasste Kupferanbindung sind dann wichtiger als ein weiterer AOI-Alarm.”
Hommer Zhao
Gruender & CEO, WellPCB
In der Praxis pruefen wir bei wiederkehrendem Tombstoning zuerst fuenf Punkte: Sind die Pads gleich lang? Ist die Kupferanbindung gleichwertig? Liegt ein Via zu nahe am Pad? Ist der Lötstopplacksteg stabil genug? Passt der Footprint zum tatsaechlichen Bauteil, nicht nur zur CAD-Bibliothek? Gerade der letzte Punkt wird unterschaetzt, weil passive Bauteile gleicher Bauform je nach Hersteller leicht unterschiedliche Anschlusskappen haben.
Praxisregel
Wenn Tombstones immer an denselben Designatoren auftreten, behandeln Sie das Problem zuerst als Layout- oder Thermikthema. Wenn sie ueber viele Bauteile streuen, pruefen Sie zuerst SPI-Daten, Pastenzustand, Placement und Reflow.
Stencil und Lotpaste: Volumen gezielt begrenzen
Zu viel Lotpaste vergroessert die Benetzungskraft und damit das Drehmoment. Ungleiches Volumen zwischen beiden Pads ist noch kritischer. Fuer kleine Chip-Bauteile werden Apertures haeufig gegenueber dem Pad reduziert oder als home-plate, window-pane oder leicht nach innen versetzte Oeffnung ausgefuehrt. Ziel ist nicht weniger Lot um jeden Preis, sondern eine stabile, symmetrische Pastenablage mit ausreichender Lötstelle.
Die SPI-Daten sind hier wertvoller als eine reine Sichtkontrolle. Achten Sie auf Volumen, Hoehe, Flaeche und Offset getrennt pro Pad. Wenn eine Seite im Mittel 12 Prozent mehr Volumen hat, muss der Prozess nicht erst bei 1000 Baugruppen scheitern; die Risikokurve ist bereits sichtbar. Der Zusammenhang zum Stencil-Design ist direkt: Schablonendicke, Aperture-Form und Pastentyp bestimmen, ob die Ablage reproduzierbar bleibt.
Bei 100-Mikrometer-Schablonen ist 0402 meist gut beherrschbar, sofern Area Ratio und Pastenfreigabe passen. Bei 0201, sehr kleinen LEDs oder gemischten Baugruppen mit grossen Power-Pads kann eine Step-Stencil-Strategie sinnvoll sein. Wichtig ist, dass die Anpassung nicht isoliert fuer ein Bauteil erfolgt. Reduzierte Apertures duerfen keine Opens erzeugen und muessen nach Reflow in AOI, elektrischer Pruefung und gegebenenfalls Schliffbild bestaetigt werden.
Placement und Reflow gemeinsam auswerten
Pick-and-Place-Versatz ist bei Tombstoning besonders kritisch, weil das Bauteil bereits vor dem Reflow mit ungleicher Kontaktflaeche auf der Paste liegt. Bei kleinen Passives koennen verschmutzte Nozzles, falsche Bauteilzentrierung, Feeder-Spiel oder unpassende Vision-Daten den Prozessrand erreichen, ohne sofort als Placement-Fehler aufzufallen. Der Fehler zeigt sich erst, wenn die Lotpaste schmilzt.
Ein Reflow-Profil sollte fuer Tombstoning nicht reflexartig heisser gemacht werden. Oft hilft eine mildere Ramp-Rate oder ein stabilerer Soak, weil beide Pads gleichmaessiger in die Schmelzphase kommen. Gleichzeitig kann ein zu langer Soak das Flussmittel vorzeitig verbrauchen und Benetzungsprobleme schaffen. Sinnvoll ist ein First-Article-Profil mit Thermoelementen nah an kritischen Bauteilen, nicht nur an grossen ICs.
Bei SAC305-Prozessen liegen typische TAL-Fenster haeufig im Bereich von 45 bis 75 Sekunden ueber 217 C, waehrend Peak-Temperaturen oft zwischen 235 und 250 C liegen. Diese Zahlen sind nur Startpunkte. Entscheidend ist, dass kleine Passives, grosse Massebauteile und kritische Packages gleichzeitig innerhalb ihres Prozessfensters bleiben. Genau hier hilft die Kombination aus SPI und AOI.

“Ich akzeptiere eine Tombstoning-Korrektur erst nach Datenvergleich vor und nach der Aenderung. Fuer kleine Passives will ich mindestens SPI-Volumen, Placement-Offset, Reflow-Delta-T und AOI-ppm sehen, sonst optimiert man schnell am falschen Hebel.”
Hommer Zhao
Gruender & CEO, WellPCB
Praktischer 8-Punkte-Plan zur Ursachenanalyse
Fehlerkarte erstellen: betroffene Referenzdesignatoren, Bauteilwerte, Rotation und Boardposition erfassen.
SPI-Daten pro Pad auswerten: Volumen, Flaeche, Hoehe und X/Y-Offset fuer mindestens 30 betroffene Bauteile vergleichen.
Placement-Log pruefen: Nozzle, Feeder, Vision-Korrektur und Versatzdaten gegen Gutpositionen vergleichen.
Footprint gegen echtes Bauteil messen: Anschlusskappen, Padlaenge, Padabstand und Lötstopplacksteg pruefen.
Kupferanbindung bewerten: Plane-Anschluss, Via-Naehe und Thermal-Reliefs fuer beide Pads vergleichen.
Reflow mit Thermoelementen messen: kritische Passives, Hot-Spots und Cold-Spots separat loggen.
Aenderung einzeln einfuehren: erst Aperture oder Profil oder Placement-Korrektur, nicht alles gleichzeitig.
Freigabe ueber ppm-Trend: mindestens eine Pilotcharge mit AOI-Daten, elektrischer Pruefung und dokumentierter Rueckverfolgbarkeit bewerten.
FAQ
Was ist die haeufigste Ursache fuer SMT Tombstoning?
Die haeufigste technische Ursache ist eine asymmetrische Benetzungskraft zwischen zwei Pads. In der Praxis kommt sie oft aus ungleichem Pastenvolumen, Pad-Geometrie oder thermischem Delta-T. Bei 0402 und 0201 koennen bereits 40 bis 60 Mikrometer Offset oder ueber 10 Prozent Volumenabweichung kritisch werden.
Welche Bauteilgroessen sind besonders anfaellig fuer Tombstoning?
0201 und 0402 sind am empfindlichsten, weil ihre Masse und Auflageflaeche sehr klein sind. 0603 kann ebenfalls betroffen sein, wenn ein Pad stark an Kupfer angebunden ist oder das Reflow-Delta-T am Bauteil ueber etwa 5 bis 10 C liegt.
Hilft eine duennere SMT-Schablone gegen Tombstoning?
Ja, wenn zu viel Lotpaste oder ungleiches Volumen die Ursache ist. Der Wechsel von 120 Mikrometer auf 100 Mikrometer oder eine Aperture-Reduktion von 5 bis 15 Prozent kann helfen. Die Aenderung muss aber gegen Opens, Benetzung und Area Ratio verifiziert werden.
Kann ein Reflow-Profil Tombstoning allein beseitigen?
Nur manchmal. Ein stabilerer Soak, eine mildere Ramp-Rate und ein Delta-T unter etwa 5 C am Bauteil koennen helfen. Wenn das Pad-Design unsymmetrisch ist oder das Pastenvolumen um mehr als 10 Prozent streut, reicht eine reine Profilkorrektur meist nicht aus.
Wie erkenne ich, ob das Layout oder der Prozess schuld ist?
Wiederholt sich der Fehler an denselben Referenzdesignatoren, ist Layout, Kupferanbindung oder Bauteilorientierung wahrscheinlich. Verteilt sich der Fehler zufaellig, sprechen die Daten eher fuer Pastendruck, Placement, Pastenzustand oder Reflow-Streuung. Eine Fehlerkarte ueber mindestens 3 bis 5 Panels ist dafuer sehr hilfreich.
Welche Pruefung ist fuer Tombstoning wichtiger: SPI oder AOI?
Beide sind wichtig, aber SPI erkennt die Ursache frueher. SPI zeigt Pastenvolumen und Offset vor dem Reflow, waehrend AOI den fertigen Defekt erkennt. Fuer kleine Passives sollte SPI typischerweise Volumenabweichungen unter 10 Prozent und Offset im Bereich unter 50 Mikrometer sichtbar machen.
Fazit: Tombstoning mit Daten statt Vermutungen reduzieren
Tombstoning ist ein Prozessfenster-Fehler. Die beste Korrektur entsteht, wenn Layout, Pastendruck, Placement und Reflow gemeinsam betrachtet werden. Wer nur den Ofen heisser stellt oder nur die Schablone reduziert, kann den Fehler kurzfristig verschieben und an anderer Stelle Opens, Voids oder Benetzungsprobleme erzeugen.
SMT-Prozessfenster vor der Serie absichern
WellPCB unterstuetzt Sie bei DFM-Review, Stencil-Auslegung, SMT-Bestueckung, SPI/AOI-Pruefung und Serienfreigabe fuer anspruchsvolle PCBAs mit 0402, 0201, Fine-Pitch-ICs und gemischten Bauteilmassen.
Pad- und Kupferbalance vor NPI gegen reale Bauteildaten pruefen.
SPI-Daten nutzen, bevor AOI nur den fertigen Tombstone meldet.
Aenderungen einzeln testen und ueber ppm-Trends freigeben.

Hommer Zhao
Gründer & CEO, WellPCB
Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Elektronikfertigung leitet Hommer Zhao das Team bei WellPCB. Seine Leidenschaft: Komplexe technische Themen verständlich erklären.
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